Verhaltensregeln und Tipps für die msn-Seelsorge
Arbeitspapier vom 21.08.2006 / Joachim Zahn mit Ergänzungen von Matthias Arn (4.9.06)
Ausgangslage
Das Medium ist noch relativ jung. Da Jugendliche in der Schweiz im Gegensatz zu jenen aus dem Ausland extrem gut vernetzt sind und fast ausschliesslich msn einsetzen, gibt es noch wenig Erfahrungen die 1:1 übernommen werden können. Dennoch: Erfahrungen aus der Schulsozialarbeit (vorwiegend sms) und der Praxis einzelner in der kirchlichen Jugendarbeit, lassen sich erste Tipps ableiten.
Warum auf msn präsent sein?
msn ist heute vergleichbar mit dem „Dorfplatz“ oder dem Jugendtreff wo man sich nach der Schule schnell trifft. Mit diesen Sozialräumen verglichen liegt es auf der Hand, dass Jugendarbeitende hier präsent sein sollten.
msn ist wie sms sehr niederschwellig. Was Jugendliche von Angesicht zu Angesicht allenfalls nicht sagen, können sie im Chat allenfalls eher mal anmelden.
Immer mehr Jugendliche weichen aus Kostengründen von sms auf msn aus. Sie sprechen folglich besser auf diese form der Kommunikation an.
Mit etwas „web-watching“ – permanent online sein und sehen wer sich wann meldet – erfahren wir auch viel über die einzelnen Jugendlichen: Ob sie ausnahmsweise frei haben, ob sie schwänzen, ob sie viel zuhause sind, wie ihre Stimmung liegt (Statuszeilen lesen!), etc.
Voraussetzungen
Auch wenn für den Einstieg ein persönlicher msn-Account genügt, so ist zu überprüfen, ob ein „offizieller-Jugendarbeitsaccount“ eingesetzt werden soll. Dieser kann dann von unterschiedlichen Mitarbeitenden betreut werden. Ausserdem kann er bei Missbrauch auch gelöscht werden.
Gegenwärtig ist es noch nicht zu empfehlen, diesen auf der Web-Site der Jugendarbeit zu publizieren.
Der Einsatz von msn macht ist erst sinnvoll, wenn der/die Jugendarbeitende auch gelegentlich bis häufig online ist. Verlässlichkeit ist auch hier eminent. Voraussetzung hierfür ist in der Regel: Ein Breitbandanschluss, der regelmässige Einsatz des Computers für die Arbeiten, Arbeitszeiten am Nachmittag oder zu den Zeiten des Schulschlusses (oder auch am Abend).
Es bedarf der Gewöhnung, den PC dauernd laufen zu lassen und msn auch immer aktiv zu halten. Erfahrungen zeigen, dass das Management des eigenen Status, Abgrenzung und Chathandling in der Regel nach ein paar Wochen eingestellt sind.
Jugendliche, ihr Verhalten und ihr Themen
Auch wenn das Medium neu ist ... die Themen sind es nicht unbedingt: Einsamkeit, Liebeskummer, Stress mit den Eltern, Stress mit der Schule, Stress mit dem eigenen Körper, Stress mit dem Sex, Stress mit Freunden und Freundinnen, Stress mit dem Geld. Meist steht dahinter mangelndes Selbstbewusstsein.
Doch diese Themen kommen natürlich nicht gleich im ersten Chat daher. Mehr den je wird erst beschnuppert. Wer hängt am anderen PC? Beherrscht er die grundlegenden Chatregeln? Will er gleich gute Ratschläge geben oder werde ich einfach mal angehört? Etc.
Viele Jugendliche sind auch einfach mal glücklich über ein Lebenszeichen, einen kurzen Gruss, einen kurzen Wortwechsel. Es ist also davon auszugehen, dass der Aufbau der msn-Seelsorge so seine Zeit braucht. Die Geduld lohnt sich ... sonst werden auch Jugendarbeitende erbarmungslos geblockt (beim Jugendlichen als unerwünscht bezeichnet und deaktiviert).
Sind Kontakt und Vertrauen erst mal aufgebaut, werden heiklere Themen oft erst „vorbereitet“. Aufmerksame Chatter merken, wenn etwas im Stil „meine Freundin hat ein Problem“ daherkommt. Es sind Fragen wie „Was würdest du ...?“, „Kennst Du Jemanden mit Erfahrung in ...“, „Kennst ihr euch auch aus in ...?“ die Aufmerksamkeit erfordern. Bei solchen oder ähnlichen Formulierungen lohnt sich das nachhacken, sanfte fragen, anbieten ...
Andere Jugendliche zeigen einfach wie schlecht es ihnen geht, sei es durch die erweiterte Statusanzeige oder durch kurze „Stressmeldungen“. Diese warten meist darauf, dass man sie anfragt: „Geht’s nicht so toll?“ Und wenn sie dann sagen „doch doch“, so ist trotzdem mal sanftes nachhacken angezeigt.
Seelsorgeverständnis:
Gemäss Kirchenpraxis sind auch diakonische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Seelsorge verpflichtet. Seelsorge geniesst bei vielen Bevölkerungskreisen doch nach wie vor als wichtige und gute Sache. Es gibt quasi ein Urvertrauen welches es weiter zu pflegen gilt. Die Kirchenpraxis hält weiter fest: Seelsorge ist als Grundhaltung in allem kirchlichen Handeln gegenwärtig – z.B. in Predigt, Unterricht, Erwachsenenbildung, in allem diakonischen Handeln. Das beratende, tröstende, aufbauende, ermutigende Zugehen auf andere Menschen ist allen aufgegeben.
Entscheidend ist, dass Seelsorge nicht einfach mit Glaubensgespräch gleichzusetzen ist. Vielmehr ist Seelsorge Diakonie im Gespräch auf dem Hintergrund einer christlichen Deutung. So gesehen geht es in der Regel erst um Sorgen, Notstände und Freuden aus dem Alltag der Jugendlichen.
10 Tipps:
- Tempo: Ich lasse mich vom Tempo des Mediums nicht stressen. Ich kommuniziere einfach, wenn du grad noch was anderes machst oder Zeit zum nachdenken brauchst.
- Zuhören: „Mehr zuhören, weniger Ratschläge geben“. Auch hier bewährt sich: Fragen. Allenfalls über Fragen versachlichen. Auch: Je mehr der/die Andere schreibt, um so mehr erfahre ich über das Gegenüber. Es empfiehlt sich in diesem Sinne auch, Statusanzeige, Schreibstil, Schrift usw. des Gegenübers zu studieren.
- Ermutigen: Und bevor ich Ratschläge erteile: Ermutigen und Kontakt schaffen. „Ich finde es mutig, dass du das mal schreibst.“ “Verstehe ich dich wenn ich mir vorstelle ...“
- Beraten: Trotzdem: Jugendlich suchen natürlich auch den Ratschlag. Es liegt also meist eine Gratwanderung an. Vorsichtig sein und „heraushören“, wann ich auch etwas in diese Richtung sagen muss. Und: Ratschläge können auch als „Möglichkeiten“ angeboten werden. „Könnte es sein, dass ...“, „Kannst du dir Vorstellen mal ...“ „Ich denke einfach mal laut ...“
- Jede Aussage Wichtig: Hinter jeder Äusserung steht ein Körnchen Wahrheit. Auch wenn es nach einer grotesken Testfrage klingt, irgendwas Wahres steht dahinter. Daher: Ich nehme jede Äusserung ernst und gehe notfalls Fragend oder Humorvoll darauf ein.
- msn-tauglich: Es empfiehlt sich auf das Medium und seine Gepflogenheiten einzugehen. Kurze Messages, offizielle Kürzel, Emoticons verwenden, korrekte Statusanzeigen, komprimierte Sprache. (Schreiben in Schweizerdeutsch liegt nicht allen ... muss erfahrungsgemäss aber auch nicht unbedingt sein.)
- Korrekt: Trotz allem eine saubere und verständliche Sprache pflegen. Schliesslich bin ich ein Vorbild und ich könnte ja auch getestet werden (schon geschehen durch Kirchenpflegende, Journalisten, etc.) Ich schreibe so, dass ich den Chat gegenüber der Kirchenpflege verantworten könnte.
- Segensworte: Auch wenn das im ersten Moment etwas komisch klingt, es empfiehlt sich, auch ein paar gute Bibelzitate, Segensworte oder Sprüche bereitzuhalten. Gefragt ist eine kleine Sammlung von Worten hinter denen ich stehen kann, die mir auch schon geholfen haben.
- Triage / Beratungsstellen: Bei vielen der schwierigen Herausforderungen bin ich als Jugendarbeiter oder Jugendarbeiterin nicht die richtige Person für weitere Hilfe. In diesem Sinne empfiehlt es sich, eine Liste ausgewählter Beratungsstellen bereitzuhaben. Idealerweise als Liste von Links die direkt übermittelt werden können. Es ist wichtig zu sagen, wenn ich nicht weiter komme oder nichts bieten kann.
- Relation: Bei diesem Medium ist es wichtig, die Relationen im Auge zu behalten: Ich kommuniziere auf Distanz und kann niemanden retten! Die Person nimmt mir mit der Wahl des Mediums beispielsweise, dass ich eingreifen kann bevor sie sich etwas antut. Mit anderen Worten: Es bedarf einer gewissen Gelassenheit und Ausgeglichenheit um per msn aktiv zu werden.
Zwei weitere Tipps, speziell für Profis:
- Auf das Telefon wechseln: msn hat auch sein Grenzen. Bei delikaten Themen kann es sich daher auch lohnen, dem Gegenüber ein Telefongespräch anzubieten, also das Medium zu wechseln. Ein solches Gespräch bietet die Möglichkeit auch die Stimmlagen des Gegenübers besser zu berücksichtigen, einfacher miteinander einen Gedanken zu entwickeln, etc. Hinzu kommt: Es gibt Jugendliche die noch nicht schnell tippen können.
- Die Aufzeichnung eingeschaltet haben: Ob msn, iChat, Mercury oder Skype, alle Programme haben die Möglichkeit, die Chats aufzuzeichnen und automatisch zu speichern. Dies ist nur zu empfehlen. Bei ungerechtfertigten Anklagen kann so das korrekte Verhalten im Chat wenigstens ansatzweise belegt werden. Auch: Wenn wir über einen "Fall" nachdenken oder diesen in einer Supi besprechen, so können wir auf die bisherigen Unterhaltungen zurückgreifen.
Sünden sind demzufolge:
- Zu schnell Ratschläge geben.
- Privatadressen oder Nummern durchgeben.
- Anzügliche oder zweideutige Bemerkungen.
- Jemanden zu Antworten oder Aussagen drängen.
- Probleme lösen wollen die man nicht lösen kann.
Last modified 2006-09-06 13:48